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Der trockenste Juli seit Messbeginn: Was Regenwasser jetzt leisten muss

Juli 2026: trockenster Juli der hessischen Messreihe. Warum Regenrückhaltebecken 99 % der Zeit leer stehen und wie Füllstandssensorik und DWD-Prognosen dasselbe Volumen für Rückhaltung und Nutzung bewirtschaften – mit Zahlen vom Pilotstandort Frankfurt.

REGENWASSERDÜRRE 2026DWA-A 117RECHENZENTREN
Wasser. Ganzheitlich gedacht. · Ausgabe 122.08.2026Ömer Aydin

Der Sommer 2026 in Zahlen

Ich fange mit den Messwerten an, weil sie die Diskussion abkürzen.

Der Juli 2026 war in Hessen der trockenste Juli seit Beginn der Messreihe: rund 14 Liter pro Quadratmeter, etwa 81 % unter dem Referenzwert. 61 % der hessischen Grundwassermessstellen zeigen niedrige oder sehr niedrige Stände, an 89 % der Messstellen fallen die Wasserstände weiter. 84 % der Pegel an den Fließgewässern liegen unter dem mittleren Niedrigwasserabfluss, die nutzbare Feldkapazität der Böden liegt verbreitet unter 20 % (HLNUG, Stand 12.08.2026).

Bundesweit sieht es nicht besser aus. Der Deutsche Wetterdienst meldet seit März unterdurchschnittliche Niederschläge in fast ganz Deutschland; in der Pfalz, in Rheinhessen und in Unterfranken fielen seit März weniger als 150 Liter pro Quadratmeter, teilweise unter 50 % des Mittels 1991 bis 2020. Das hydrologische Jahr von November bis Juli war nur zweimal seit 1882 trockener. Die oberen 60 Zentimeter Boden waren seit Ende Mai oft nur geringfügig feuchter als in den Dürrejahren 2018 und 2022, im Süden teilweise trockener (DWD, 06.08.2026). Der Dürremonitor des UFZ stuft Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für den Gesamtboden bis 1,80 Meter in die höchste Klasse „extreme Dürre“ ein, Teile Hessens in „schwere Dürre“ (Stand 10.08.2026). Von 288 Grundwasserpegeln im bundesweiten Niedrigwasser-Informationssystem lagen Ende Juli 156 im niedrigen bis extrem niedrigen Bereich.

Die Folgen sind in Hessen konkret: Schmitten, Weilrod, Lich, Petersberg, Eichenzell und Ebersburg sowie Stadtteile von Fulda haben einen Trinkwassernotstand beziehungsweise Wasserversorgungsnotstand festgestellt. Gartenbewässerung, Autowäsche und Poolbefüllung sind dort untersagt, Verstöße kosten bis zu 5.000 Euro. Eine Reihe weiterer Kommunen im Hochtaunus und im Rheingau steht auf Rot (hessenschau, 13.08.2026). Das HLNUG erwartet eine nachhaltige Erholung der Grundwasserstände frühestens im kommenden Winterhalbjahr. Einzelne Schauer ändern daran nichts.

Warum der Sommerregen nicht hilft

Grundwasser bildet sich in Mitteleuropa fast ausschließlich im Winterhalbjahr neu. Im Sommer verdunstet der Niederschlag oder wird von der Vegetation aufgenommen, bevor er tiefer als 60 Zentimeter kommt. Was im Sommer an Regen fällt, fällt zudem immer häufiger konzentriert: kurz, heftig, auf ausgetrocknete und versiegelte Flächen. Dieses Wasser läuft oberflächlich ab, landet im Kanal und verlässt den Standort innerhalb weniger Stunden.

Für Gewerbe-, Industrie- und Rechenzentrumsstandorte ist diese Situation seit Jahren Planungsalltag. Die Kommunen geben für die Einleitung in den Kanal einen gedrosselten Abfluss vor, häufig 10 Liter pro Sekunde und Hektar. Die Differenz zum tatsächlichen Abfluss muss auf dem Grundstück zurückgehalten werden. Bemessen wird der Rückhalteraum nach DWA-A 117 auf ein seltenes Starkregenereignis, in der Regel mit KOSTRA-DWD-Daten und einer Jährlichkeit von fünf Jahren. Die Konsequenz dieser Bemessung wird selten ausgesprochen: Das Bauwerk ist auf den Extremfall ausgelegt und steht etwa 99 % der Zeit leer. Nach einem Regenereignis wird das Wasser über die Drossel abgeleitet, damit das Volumen für das nächste Ereignis frei ist.

Die Brauchwassernutzung läuft planerisch getrennt davon. Zisternen werden nach DIN 1989-100 auf den Betriebswasserbedarf und den Regenwasserertrag bemessen und sollen möglichst voll sein. Zwei Bauwerke, zwei Logiken, zwei Kostenblöcke, und in der Praxis hat das Rückhaltebecken Vorrang, weil es wasserrechtlich gefordert ist. Die Zisterne wird oft weggelassen.

Rückhalten und nutzen in einem Bauwerk

Die Frage, die wir uns vor einigen Jahren an einem Frankfurter Rechenzentrumsstandort gestellt haben, war einfach: Warum muss ein Becken mit mehreren hundert Kubikmetern leer stehen, wenn gleichzeitig Grünfassaden und Außenanlagen mit Trinkwasser bewässert werden?

Die Antwort war eine Steuerung statt eines weiteren Bauwerks. Ein Füllstandssensor im Rückhalteraum und ein Schaltschrank, der über ein Modem die Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes auswertet, bilden das System. Solange kein relevanter Niederschlag angekündigt ist, bleibt das Wasser im Becken und steht für Bewässerung, Kühlung oder Sanitär zur Verfügung. Kündigt sich ein Starkregenereignis an, entleert die Steuerung das Becken rechtzeitig so weit, dass das nach DWA-A 117 erforderliche Rückhaltevolumen frei ist. Die Rückhaltefunktion bleibt vollständig erhalten, die Drossel bleibt unverändert, und die wasserrechtliche Erlaubnis wird nicht angetastet. Eine lernende Regelungslogik verbessert mit jedem Ereignis die Entscheidung, wie viel vorentleert werden muss.

Die Nachrüstung des Pilotstandorts umfasste zwei bestehende unterirdische Rückhalteräume mit zusammen rund 440 m³. Nachberechnet wurde nach DWA-A 117, die Zisternenfunktion nach DIN 1989-100, die Grundlage waren KOSTRA-DWD-2020-Daten und die stündlichen Niederschlagsprognosen des DWD. Das Ergebnis nach dem Betrieb: rund 1.300 m³ Trinkwasser wurden durch gespeichertes Niederschlagswasser ersetzt, die Kanalisation wurde entsprechend entlastet, und bei Starkregen stand das Volumen wie vorgesehen zur Verfügung. Im Campusmodell für mehrere Standorte mit zusammen 1.750 m³ aktivierbarem Rückhalte- und Speichervolumen liegt das rechnerische Einsparpotenzial bei etwa 4.030 m³ Trinkwasser pro Jahr. Simulationen für typische Gewerbestandorte zeigen, dass der Trinkwasserbedarf für Toilettenspülung und Bewässerung vollständig gedeckt werden kann und rund 24 % des Niederschlagswassers genutzt werden, was die Niederschlagswassergebühr in gleicher Größenordnung senkt.

Aus dem Pilotprojekt ist gemeinsam mit der Finger Betontechnik GmbH das System calmar.one entstanden, das wir in diesem Jahr auf der IFAT in München erstmals gezeigt haben. Das zugrunde liegende Wasserwirtschaftssystem ist beim Deutschen Patent- und Markenamt zum Patent angemeldet. Entscheidend ist für mich weniger das Produkt als das Prinzip: Bestehende Infrastruktur wird aktiv bewirtschaftet, statt sie auf einen einzigen Lastfall zu reduzieren.

Was Betreiber und Kommunen jetzt prüfen sollten

Der Herbst ist die richtige Zeit dafür, weil die Erfahrung des Sommers noch präsent ist und das Winterhalbjahr für Planung und Genehmigung genutzt werden kann.

  1. Bestand aufnehmen: Welche Rückhalteräume, Zisternen und Versickerungsanlagen gibt es am Standort, mit welchem Volumen, welcher Drossel und welchen angeschlossenen Flächen? Häufig liegen die Daten in den Entwässerungsgesuchen von vor zehn Jahren.
  2. Wasserbilanz aufstellen: Niederschlagsertrag der angeschlossenen Flächen gegen den tatsächlichen Brauchwasserbedarf für Bewässerung, Kühlung, Reinigung und Sanitär. Ohne Zähler lässt sich der Bedarf über Bewässerungsflächen und Nutzungsprofile abschätzen.
  3. Wasserrecht klären: Die gedrosselte Einleitung bleibt unverändert, aber jede Nutzungsänderung sollte mit der Unteren Wasserbehörde abgestimmt werden. Bei Brauchwassernutzung im Gebäude gelten die Anforderungen der Trinkwasserverordnung an die Trennung der Netze.
  4. Steuerung statt Beton: Bevor ein neues Bauwerk geplant wird, prüfen, ob das vorhandene Volumen durch Sensorik und Wetterdaten aktivierbar ist. Die Nachrüstung ist in der Regel innerhalb weniger Wochen und ohne Tiefbau möglich.
  5. Betrieb organisieren: Eigenkontrolle, Wartung der Pumpen und Drosseln, Dokumentation der Füllstände und Entleerungen. Eine Steuerung liefert diese Daten mit, sie müssen aber in die Betriebsorganisation eingebunden werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Juli 2026: trockenster Juli in der hessischen Messreihe, 61 % der Grundwassermessstellen niedrig oder sehr niedrig, Erholung frühestens im Winterhalbjahr.
  • Regenrückhaltebecken sind auf das Extremereignis bemessen und stehen rund 99 % der Zeit leer.
  • Mit Füllstandssensorik und DWD-Prognosen lässt sich dasselbe Volumen für Rückhaltung und Nutzung bewirtschaften; am Pilotstandort in Frankfurt wurden rund 1.300 m³ Trinkwasser ersetzt.
  • Die Rückhaltefunktion und die wasserrechtliche Erlaubnis bleiben unverändert.
  • Herbst und Winter sind die Planungszeit: Bestand, Wasserbilanz, Behördenabstimmung, Nachrüstung.

Ausblick

In der nächsten Ausgabe geht es um die Daten hinter der Steuerung: Wie gut lassen sich Niederschläge für einen Standort prognostizieren, was Füllstandsdaten über die tatsächliche Auslastung eines Rückhaltebeckens verraten und warum jede gespeicherte Regenperiode die Entscheidungen für die nächste verbessert.

Wenn Sie die Zahlen für Ihren Standort kennen möchten, melden Sie sich. Eine erste Einschätzung auf Basis von Lageplan, Entwässerungsgesuch und Bewässerungsflächen ist schnell gemacht.

Quellen

HLNUG, Trockenheit und Dürre in Hessen (Stand 12.08.2026); Deutscher Wetterdienst, Pressemitteilung zur starken Trockenheit im Sommer 2026 (06.08.2026); UFZ-Dürremonitor Deutschland (Stand 10.08.2026); hessenschau, Trockenheit in Hessen (13.08.2026); ZfK, Dürre in Deutschland (27.07.2026); BDEW, Zahl der Woche 121 Liter (2024); Projektdaten Environmental Solutions GmbH.

Ömer Aydin

Ömer AydinGeschäftsführer Environmental Solutions GmbH, Marburg. Dieser Beitrag ist Ausgabe 1 des LinkedIn-Newsletters „Wasser. Ganzheitlich gedacht.“ – monatliche Einblicke aus Planung und Praxis: Regenwassermanagement, Schwammstadt, Entwässerung, Wasserrecht und AwSV.