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Zwischen Starkregen und Trockenheit: Was Daten und Prognosen am Standort leisten

Was Füllstandsdaten über ein Regenrückhaltebecken verraten, wie gut sich Niederschläge am Standort prognostizieren lassen und warum dokumentierte Daten der stärkste Nachweis gegenüber der Wasserbehörde sind.

FÜLLSTANDSDATENPROGNOSEEIGENKONTROLLEWASSERBEHÖRDE
Wasser. Ganzheitlich gedacht. · Ausgabe 205.09.2026Ömer Aydin

Der August in Zahlen

In der ersten Ausgabe habe ich mit dem trockensten Juli der hessischen Messreihe angefangen. Der August hat das Bild nur auf den ersten Blick korrigiert. Bundesweit fielen 60,5 Liter pro Quadratmeter, das sind 78 % des Mittels 1991 bis 2020, bei einer Mitteltemperatur von 19,7 °C, also 1,7 Grad über dem Mittel. In Hessen kamen 59,7 Liter pro Quadratmeter zusammen, rund 86 % des Klimamittels 1961 bis 1990, bei 20,1 °C Mitteltemperatur (DWD-Gebietsmittel, abgerufen am 05.09.2026 über WetterKontor). Auch der August blieb damit unter seinem Soll, nach einem Juli mit bundesweit 50 % und in Hessen rund 20 % des üblichen Niederschlags.

Am Grundwasser ist von Entspannung nichts zu sehen. Nach dem aktuellen Monatsbericht des HLNUG (Berichtsstand Juli 2026) lagen 34 % der hessischen Messstellen im Bereich „sehr niedrig“ und weitere 17 % im Bereich „niedrig“; nur 3 % zeigten hohe oder sehr hohe Stände. An 90 % der Messstellen lag das Monatsmittel unter dem Vorjahresniveau, rund 20 % erreichten neue Monatsniedrigstwerte. Das vorangegangene Winterhalbjahr hatte mit 259 Millimetern bereits etwa 28 % unter dem langjährigen Mittel von rund 357 Millimetern abgeschlossen.

Die Zahlen erzählen zwei Geschichten gleichzeitig: zu wenig Wasser über Wochen und zu viel Wasser in kurzer Zeit. Der Juli hat gezeigt, wie lang die Trockenphasen geworden sind. Umgekehrt kann ein einzelner Gewittertag das Monatssoll eines Standorts an einem Nachmittag bringen; im Gebietsmittel taucht so ein Ereignis kaum auf, im Regenrückhaltebecken sehr wohl. Genau diese Gleichzeitigkeit ist die eigentliche Herausforderung der Regenwasserbewirtschaftung, und sie wird nach meiner Einschätzung eher größer als kleiner.

Das Problem: Die Anlage kennt einen Lastfall, der Betrieb kennt zwei

Regenrückhaltebecken werden nach DWA-A 117 auf ein seltenes Starkregenereignis bemessen, in der Regel auf Grundlage der KOSTRA-DWD-Daten. Die Genehmigungspraxis zieht dabei spürbar an: Überflutungsnachweise nach DIN 1986-100, kommunale Starkregengefahrenkarten und Nebenbestimmungen zum Rückhalt gehören inzwischen zum Standardumfang. Wer heute ein Entwässerungsgesuch einreicht, muss Starkregen deutlich ausführlicher behandeln als vor zehn Jahren.

Gleichzeitig wird Brauchwasser am Standort knapper und teurer, und die Trockenphasen werden länger. Statisch betrieben kann ein Becken nur eine der beiden Aufgaben erfüllen: leer stehen und auf das Ereignis warten, oder voll sein und Wasser liefern. In der ersten Ausgabe habe ich beschrieben, wie eine Steuerung beide Aufgaben in einem Bauwerk zusammenführt. Diesmal geht es um die Grundlage darunter, denn ohne Daten funktioniert keine Steuerung.

Dazu kommt ein Punkt, der in Diskussionen oft untergeht: Ohne Messung weiß niemand, was die Anlage tatsächlich tut. Wie oft staut das Becken im Jahr ein? Wie schnell zieht die Drossel es leer? Läuft Wasser zu, obwohl es nicht regnet? In vielen Entwässerungsgesuchen stehen Annahmen, die zehn oder fünfzehn Jahre alt sind, und niemand hat sie je am Betrieb überprüft.

Was Füllstandsdaten über einen Standort verraten

Eine kontinuierlich aufgezeichnete Füllstandskurve ist das Betriebstagebuch der Entwässerung. Aus ihr lässt sich ablesen, wie häufig das Becken tatsächlich einstaut und wie sich das zur Bemessung verhält; ob die Drossel so abgibt, wie sie eingestellt wurde, oder ob sich Verlegungen und Verschleiß andeuten; ob das Becken Wasser führt, obwohl kein Niederschlag gefallen ist, was auf Fremdwasser oder Fehlanschlüsse hinweist; ob der Füllstand schneller fällt, als die Drossel erklärt, was auf Undichtigkeiten deutet; und wie hoch der Brauchwasserverbrauch aus dem Speicher wirklich ist, statt wie hoch er in der Planung angenommen wurde.

Am Pilotstandort, einem Rechenzentrumsstandort in Frankfurt mit zwei bestehenden Rückhalteräumen von zusammen rund 440 m³, ist die Zahl von rund 1.300 m³ ersetztem Trinkwasser deshalb keine Schätzung, sondern das Ergebnis gemessener Füllstände und Zählerstände. Dieselben Daten zeigen auch, wann das Becken vor Ereignissen entleert wurde und dass das Rückhaltevolumen zur Verfügung stand. Ohne Messung gäbe es weder die Zahl noch den Nachweis.

Wie gut lassen sich Niederschläge prognostizieren?

Die ehrliche Antwort aus dem Betrieb: gut genug, wenn man die richtige Frage stellt. Großräumiger Landregen ist über 24 bis 48 Stunden belastbar vorhersagbar. Sommerliche Gewitterzellen bleiben dagegen örtlich unscharf; ob eine Zelle den eigenen Standort trifft oder die Nachbargemeinde, entscheidet sich oft erst wenige Stunden vorher. Für die Steuerung eines Rückhalteraums ist das weniger kritisch, als es klingt. Die maßgebliche Frage lautet nicht, wie viele Millimeter morgen um 15 Uhr fallen, sondern ob in den nächsten Stunden ein relevantes Ereignis möglich ist. Diese Frage beantworten die operationellen Vorhersage- und Warnprodukte der Wetterdienste zuverlässig; am Pilotstandort werden dafür die stündlich aktualisierten Niederschlagsprognosen des DWD ausgewertet.

Die Steuerung ist bewusst asymmetrisch ausgelegt: Im Zweifel wird entleert. Eine unnötige Vorentleerung kostet gespeichertes Brauchwasser; ein nicht freigehaltenes Rückhaltevolumen wäre dagegen ein wasserrechtliches Problem. Deshalb arbeitet die Logik mit Sicherheitszuschlägen, und die Rückhaltefunktion nach DWA-A 117 bleibt in jedem Betriebszustand erhalten.

Interessant ist die Entwicklung der Modelle selbst. Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage betreibt seit Anfang 2025 ein KI-basiertes Vorhersagemodell operationell neben dem physikalischen Modell (ECMWF, 2025). Am Prinzip der Standortsteuerung ändert das nichts, aber die Ereigniserkennung wird schrittweise besser. Und mit jeder Betriebswoche wächst die zweite Datenquelle: die eigene. Jede gespeicherte Regenperiode zeigt, wie der Standort auf welche Vorhersage reagiert hat, und verbessert die Entscheidung, wie viel und wie früh vorentleert wird. Mehr Daten bedeuten hier unmittelbar bessere Steuerung und eine sauberere Abstimmung auf das nächste Ereignis.

Genehmigung: Wer misst, verhandelt anders

Für die Wasserbehörde ist eine bewirtschaftete Rückhalteanlage zunächst eine Abweichung vom gewohnten Bild. Nach meiner Erfahrung entscheidet die Datenlage darüber, ob die Abstimmung zäh oder konstruktiv verläuft. Ein dokumentierter Füllstandsverlauf belegt die Vorentleerung vor Ereignissen und die Bereitstellung des Bemessungsvolumens, und er ist zugleich die Eigenkontrolle, die in den Nebenbestimmungen ohnehin gefordert wird. Wer solche Nachweise vorlegen kann, spricht über Auflagen auf einer anderen Grundlage als jemand, der die Funktion seiner Anlage nur behaupten kann. Die gedrosselte Einleitung und die wasserrechtliche Erlaubnis bleiben unangetastet; jede Nutzungsänderung gehört vorab mit der Unteren Wasserbehörde abgestimmt.

Was Betreiber jetzt tun können

  1. Füllstandsmessung nachrüsten, auch ohne Steuerung: Ein Sensor mit Aufzeichnung liefert nach wenigen Monaten ein reales Bild der Anlage. Ohne Messung bleibt jede Bewertung eine Vermutung.
  2. Ereignisse dokumentieren: Einstau- und Entleerungszeiten ins Betriebstagebuch aufnehmen und mit den Niederschlagsdaten abgleichen. Das ist die Grundlage für jede spätere Optimierung und für den Nachweis gegenüber der Behörde.
  3. Alte Annahmen prüfen: Drosselabfluss, angeschlossene Flächen und Bedarfswerte aus dem Entwässerungsgesuch mit den gemessenen Werten vergleichen. Abweichungen sind eher die Regel als die Ausnahme.
  4. Prognoseanbindung klären: Prüfen, ob Vorhersagen und Warnungen automatisiert ausgewertet werden können, und festlegen, wer im Betrieb auf welche Meldung reagiert.
  5. Datenlage aktiv in Behördengespräche einbringen: Eigenkontrolle dokumentiert vorlegen und Spielräume bei Nebenbestimmungen ansprechen, bevor die nächste Prüfung oder Änderung ansteht.

Das Wichtigste in Kürze

  • August 2026: bundesweit 60,5 l/m² (78 % des Mittels 1991–2020), Hessen 59,7 l/m² (rund 86 % des Mittels 1961–1990); das Defizit des Sommers gleicht das nicht aus.
  • Hessisches Grundwasser weiter angespannt: 51 % der Messstellen niedrig oder sehr niedrig, rund 20 % mit neuen Monatsniedrigstwerten (HLNUG, Juli 2026).
  • Füllstandsdaten machen sichtbar, was eine Anlage tatsächlich tut: Einstauhäufigkeit, Drosselverhalten, Fremdwasser, realer Verbrauch.
  • Für die Steuerung zählt Ereigniserkennung statt Millimeterschärfe; im Zweifel wird entleert, die Rückhaltefunktion bleibt in jedem Zustand erhalten.
  • Dokumentierte Daten sind der stärkste Nachweis gegenüber der Wasserbehörde und die Grundlage jeder Optimierung.

Ausblick

In der nächsten Ausgabe geht es um den Winterbetrieb: welcher Bedarf im Winter tatsächlich bleibt, etwa für Toilettenspülung und Prozesswasser, ab wann die Bewässerung wieder anläuft und was Frost für Speicher, Leitungen und Steuerung bedeutet.

Wenn Sie wissen möchten, was die Füllstandskurve Ihres Standorts erzählen würde, melden Sie sich. Eine erste Einschätzung auf Basis von Lageplan, Entwässerungsgesuch und Bewässerungsflächen ist schnell gemacht.

Quellen

DWD-Gebietsmittel für Deutschland und Hessen, August 2026 (abgerufen am 05.09.2026 über WetterKontor, Referenzperioden wie angegeben); HLNUG, Grundwasser in Hessen – aktuelle Situation (Berichtsstand Juli 2026, abgerufen am 04.09.2026); ECMWF, „ECMWF’s AI forecasts become operational“ (2025); DWA-A 117, DIN 1986-100, KOSTRA-DWD; Projektdaten Environmental Solutions GmbH (Pilotstandort Frankfurt, Campusmodell).

Ömer Aydin

Ömer AydinGeschäftsführer Environmental Solutions GmbH, Marburg. Dieser Beitrag ist Ausgabe 2 des LinkedIn-Newsletters „Wasser. Ganzheitlich gedacht.“ – monatliche Einblicke aus Planung und Praxis: Regenwassermanagement, Schwammstadt, Entwässerung, Wasserrecht und AwSV.